Rezensionen

Nicoles Bewertung 02 05 Sterne.png

Einst war Francesca Bonnard die Frau eines englischen Adligen, genoss es rauschende Feste zu geben und liebte ihren Mann abgöttisch. Doch dann stellte sie eines Tages fest, dass ihre Liebe nicht erwidert wurde- sie diente lediglich als Mittel zum Zweck für ihren Mann- durch Francesca wollte er hochrangige Mitglieder der englischen Gesellschaft kennen lernen, die seiner politische Karriere förderlich sein würden. Als seine Frau dann aus Verzweifelung damit begann eine Affäre zu haben, sorgte er dafür, dass sie vom ton ausgeschlossen wurde und ließ sich von ihr scheiden.

Francesca kehrte England verbittert den Rücken zu- im Handgepäck führt sie belastende Briefe mit sich, die ihren Mann des Verrats an der britischen Regierung überführen würden. Und genau diese Briefe sind es, die ihrem Ehemann auch fünf Jahre nach der Scheidung Kopfschmerzen bereiten, denn Francesca hat sich mittlerweile zu einer der beliebtesten und einflussreichsten Kurtisanen gemausert und ihr Wort, in die richtigen Ohren gestreut, gilt durchaus wieder als glaubwürdig.
Deshalb beauftragt er eine skrupellose Diebin und Mörderin damit, ihm diese Briefe zu beschaffen und Francesca aus dem Weg zu räumen.

Doch er hat seine Rechnung ohne den gewieften Agenten der britischen Krone, James Cordier gemacht, der ebenfalls darauf angesetzt wurde, die belastenden Briefe an sich zu bringen. Dass der Ladykiller in Francesca jedoch seiner Meisterin finden könnte, ahnt er nicht…

Verführung auf Venezianisch ist bereits der zweite Teil der Trilogie über gefallene Frauen der Gesellschaft und die große Frage war für mich, ob Loretta Chase, das hohe Niveau, dass sie mit dem herausragenden Vorgängerband vorgelegt hat, auch hier aufrechterhalten kann.
Leider muss ich sagen, dass es ihr leider meiner Meinung nach diesmal nicht gelungen ist. Zwar kommt es auch in diesem Roman zwischen dem Heldenpaar zu einigen sehr amüsant/ironischen Bemerkungen die mich schmunzeln ließen, doch abgesehen davon habe ich die restlichen Zutaten die einen Loretta Chase Roman sonst ausmachen und aus der Masse an Liebesromanlektüre hervorstechen lassen, vermisst.

Die Ausgangssituation ist durchaus interessant und erfrischend anders- schließlich ist die Heldin diesmal keine schüchterne Jungfrau, sondern eine eigentlich abgeklärte Kurtisane, die sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst ist und becirct den Helden, der bislang jede Frau in sein Bett bekommen hat, dermaßen, dass er plötzlich wie ein verliebter Jüngling agiert, was für einige nette Lesemomente sorgt.

Doch ein wichtiger Punkt wurde in Verführung auf Venezianisch völlig vernachlässigt und zwar eine tiefgründige Charakterisierung der Hauptfiguren. Man erfährt zwar dass Francesca eigentlich nur eine Kurtisane wider Willen geworden ist, weil sie sich nur so an ihrem geschiedenen Mann rächen kann und es mittlerweile liebt mit einflussreichen Männern zu spielen, doch ihre Gedankengänge werden nicht näher beleuchtet, was bei mir dazu führte, dass ich keinen richtigen Zugang zu ihrer Person fand und sie mir daher auch nicht ans Herz wachsen konnte.

Auch auf den Helden des Romans trifft das zu- ein Spion des englischen Königs, der den Auftrag hat, die Briefe von Francesca an sich zu bringen und stets als sehr professionell und abgeklärt gilt, wirft nur einen Blick auf die Heldin und ist sofort verliebt? Zwar fliegen zwischen Francesca und James die Fetzen, doch außer sexueller Anziehungskraft ist eigentlich nichts zwischen ihnen, was verdeutlicht, wieso sich beide schließlich ineinander verlieben. Und auch hier erfährt der Leser nichts über James seelisches Innenleben- zwar wird erwähnt, dass er Francescas Esprit und Intelligenz bewundert, doch wirklich wichtige Gespräche, die sie einander näher bringen, sucht man vergeblich.

Die Nebenfiguren bleiben alle sehr blass und sind eindimensional beschrieben- ein schöner aber naiver Adliger, der sich nicht wirklich zwischen ihr und Francescas bester Freundin Giulietta entscheiden kann, dann Giulietta selbst, die zwar durchaus sympathische Züge zeigt, aber viel zu wenig in Aktion tritt und der weibliche Gegenspieler- eine Frau die als skrupellos, gierig und als völlig naiv und dumm beschrieben wird- nein, das war mir viel zu klischeehaft und das kann die Autorin definitiv besser!

Zwar lässt sich der Roman gut lesen, am Schreibstil als solches ist auch diesmal nichts auszusetzen und Lord Byrons Gedichte, die am Anfang jedes Kapitels stehen sind eine nette, passende Idee der Autorin gewesen doch der Roman ist nichts Besonderes. Zudem ist die Geschichte sehr auf die beiden Hauptfiguren zugeschnitten und da beide nicht tiefgründiger beschrieben wurden und sich ihre verbalen Zweikämpfe zu oft wiederholen, schlich sich zeitweilig Langeweile bei mir ein. Loretta Chase gehört zu meinen Lieblingsautorinnen und ich liebe ihre Romane, doch dieser hier hat mich mit einiger Enttäuschung zurückgelassen. Ich hatte mir viel mehr davon erhofft!

Und eines ist mir besonders negativ aufgefallen. Auf die Frage, ob James Francesca auch mit zerschnittenem, entstellten Gesicht lieben könnte, antwortet er, dass er es nicht wüsste. (Seite 295) Zwar überaus ehrlich geantwortet, doch kamen danach bei mir Zweifel auf, ob er sich nur in Francescas äußerliche Hülle verliebt hat und das macht ihn in meinen Augen zu einem sehr oberflächlichen Helden und verdeutlicht noch ein letztes Mal dass das Heldenpaar außer sexueller Anziehungskraft nichts gemeinsam hat.