Rezensionen

Nicoles Bewertung 04 Sterne.png

Mit ihren zwei Schwestern Sophia und Leonie betreibt die ehrgeizige und äußerst kreative Marcelline Noirot, deren Vorfahren mütterlicherseits zu den „ungeheuerlichen DeLuceys“ gehören, eine Damenschneiderei. Alles würde Marcelline dafür geben, die gut betuchte Klientel aus dem britischen Hochadel zu bedienen, doch diese meiden ihre Schneiderei bislang. Lediglich eine einzige höhergestellte Dame haben sie bisher vorzuweisen. Viel zu dürftige Aussichten, um irgendwann zur exklusiven Damenschneiderei des tons schlechthin aufzusteigen, findet Marcelline und so schmiedet sie einen Plan.

Nachdem sie gehört hat, dass sich der Duke of Clevedon sich in Paris aufhält, der sich in Bälde mit der edlen Lady Clara Fairfax verheiraten möchte, wittert sie eine Chance und sucht, ausstaffiert mit einem atemberaubenden Ballkleid, die Nähe des Dukes. Dieser ist sogleich entzückt von der tüchtigen Schneiderin, aber vielmehr als das, irritiert, denn Marcelline hat sprichwörtliche Haare auf den Zähnen und macht dem Duke sogleich sehr klar, was sie will- nämlich keinesfalls eine Liebelei, sondern sein Einverständnis, das Brautkleid für Lady Clara entwerfen zu dürfen, welches ihr Ruhm und möglichst viele neue potentielle Kundinnen einbringen wird, so hofft Marcelline.
Der hochmütige Duke ist hin und hergerissen. Auf der einen Seite würde er Marcelline am liebsten in ihre Schranken weisen- andererseits ist sie aber so bezaubernd, dass er nicht anders kann, als auch in den darauf folgenden Tagen ihre Nähe erneut zu suchen. Dabei kommt es zu einem leidenschaftlichen Kuss. Doch mehr als eine diskrete Affäre zwischen ihnen kann nicht sein und selbst diese scheint unmöglich, da Marcelline genaue Vorstellungen diesbezüglich besitzt. Zu ihren Grundsätzen gehört es zum Beispiel, niemals mit den Männern ihrer Kundinnen anzubändeln. Doch der Duke erweist sich, wieder zurück in London, als äußerst hartnäckiger Verehrer…

Da Loretta Chase zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen im Historicalgenre gehört, habe ich dem 1. Teil der neuen „Dressmakers“ Reihe regelrecht entgegengefiebert. Doch zu meiner Überraschung hatte ich auf den ersten 100 Seiten zunächst große Probleme damit, das Heldenpaar in mein Leserherz schließen zu können. Sowohl Marcelline, die sehr resolut, schroff, kühl und manipulativ agiert, als auch der Duke, der keine Skrupel zu haben scheint, seine Sandkastenliebe und beste Freundin zugleich, mit der er bereits in der Kindheit verlobt wurde, in Paris mit einer anderen Frau zu betrügen, sind keine liebeswert gestrickten Romanfiguren.

Sicherlich, die Verbindung des Dukes mit Lady Clara, mag eher einer platonischen Bruder/Schwesterliebe ähneln, doch seine Entscheidung, Lady Clara nichts von seinem Betrug zu erzählen, bzw. erst zu spät, als es bereits zu den ersten Gerüchten in ton kommt, zuzugeben, stieß bei mir auf ziemliche Ablehnung. Dazu wird der Duke als ein sehr arroganter Charakter beschrieben, der in manchen Situationen eher wie ein kleiner, ungezogener Junge wirkt, der schmollt, wenn er sein „Räppelchen“ nicht bekommt.

So war ich schon fast drauf und dran, den Roman vorzeitig abzubrechen, doch da mir Loretta Chases beschwingter und ansprechender Schreibstil so gut gefällt, gab ich nicht vorschnell auf und wurde für mein Durchhaltevermögen dann auch belohnt.
Zwar wandeln sich Marcelline und der Duke nicht plötzlich zur Gänze; doch zumindest im Ansatz geht der Duke in sich und begreift am Ende, was er Lady Clara angetan hat.
Auch Marcelline, die sich ihrer Fehler durchaus bewusst ist, verändert sich durch die Liebe zum Duke und lässt zumindest dem Duke gegenüber, gottlob ein wenig von ihrer manipulativen Ader ab. Andererseits gibt die Autorin dem Leser für Marcellines kühles Verhalten auch einen triftigen Grund mit auf den Weg, der sie zwar nicht gleich in einem sympathischeren Licht erscheinen lässt, aber zumindest ihre charakterlichen Schwächen nachvollziehbarer macht, so dass ihr Charakter nicht mehr allzu sehr ins Gewicht fällt.

Neben der Liebesgeschichte zwischen Marcelline und dem Duke wird noch eine kleine Nebenhandlung erzählt, in der sich eine von Marcellines Näherinnen, als Spionin für eine andere Damenschneiderin hergibt. Die daraus resultierenden Folgen führen beinahe zu einer tragischen Katastrophe. Diese gibt dem Helden jedoch auch die Chance, endlich mal seiner Heldenrolle gerecht zu werden, so dass man sich als Leser am Ende auch mit seiner Figur versöhnen kann.

Die bereits eingeführten Hauptfiguren der nächsten Bände der „Dressmakers“ Reihe wirkten auf mich jedenfalls viel sympathischer, als Marcelline, so dass ich diesbezüglich große Hoffnungen auf deren Geschichten hege und hoffe, dass der CORA Verlag die Serie weiter übersetzen wird. Übrigens, der Chase’sche Humor kommt diesmal in Szenen zum Tragen, in denen Marcellines kleine Tochter über die Stränge schlägt. Durchaus ein kleiner Frechdachs und Naseweis, doch auch liebeswert. Die liebeswerten Nebenfiguren und die unterhaltsame Story, waren es dann auch, die mich dazu bewogen haben, nach den ersten hundert, etwas zäheren Seiten, statt einer 3.5 Bewertung noch einen halben Punkt zusätzlich zu vergeben, denn selbst ein etwas schlechterer Loretta Chase Historical ist immer noch um Längen besser, als so mancher Historical anderer Autorinnen dieses Genres.

Kurz gefasst: Etwas verhaltener Auftaktband zur neuen „Dressmakers“-Reihe, der die Leser unter anderem, in die Welt der Haute Couture und Stoffe entführt, aber am Ende dann doch mit Loretta Chase gewohnt geschliffenen und beschwingten Schreibstil punkten kann.