Rezensionen

Nicoles Bewertung 03 05 Sterne.png

Die Zwillingsschwestern Ruby und Rosetta könnten unterschiedlicher nicht sein, sieht man einmal von ihrem beinahe identischen Äußeren ab. Während Ruby ein weiches, mitfühlendes Herz hat und sich um ihre Lieben sorgt, gehört Rosetta zu den Menschen, die stets nur ihren Vorteil sehen. Dazu hat Rosettas nichtsnutzige Tante ihr den Floh ins Ohr gesetzt, Tänzerin zu werden. Von diesem Vorhaben lässt Rosetta auch dann nicht ab, als ihr Vater an einer Bleivergiftung, die er sich durch seinen Beruf als Puppenmacher zugezogen hat, verstirbt und die Familie ohne finanzielles Polster zurücklässt. Während Rosetta also zur Tänzerin ausgebildet wird und bereits glaubt, sie würde bald Karriere machen, hegt Ruby den heimlichen Wunsch einmal Krankenschwester zu werden. Doch sie weiß genau, dass die Chancen mehr als schlecht stehen, denn Frauen wie sie, aus der Unterschicht, werden in Stellungen wie die angestrebte, leider nicht berücksichtigt.

Dazu macht sich Ruby auch noch große Sorgen um ihren ältesten Bruder Joe, der, ganz wie Rosetta ein leichtfertiges, egoistisches Wesen besitzt. Besonders seine Spielsucht bringt die Familie in große Schwierigkeiten, denn Joe hat sich eine große Geldsumme bei dem zwielichtigen Geschäftsmann Jonas Crowe geliehen, der in dem Ruf steht, auch über Leichen zu gehen, wenn er sein Geld nicht wieder bekommt und einige brutale Banden im Londoner East End beschäftigt.

Doch während der Beerdigung des Puppenmachers zeigt Jonas plötzlich eine ganz andere Seite von sich. Er bezahlt den Leichenschmaus und händigt Ruby einen Sack mit Geldmünzen aus, die diese an ihre Kolleginnen aus der Näherei weiterreichen soll, nachdem eine Bande diese ausgerechnet am Weihnachtstag überfiel und allen den Lohn raubte.
Ruby weiß nicht, was sie von Jonas halten soll, doch sie reagiert äußerst erbost, als Jonas ihr nur kurze Zeit später mitteilt, dass sie als Gesellschafterin für eine schwerkranke Freundin von ihm, fungieren soll- so lange, bis Joes Schulden bei Jonas abgegolten sind.
Dennoch gibt sie nach…

Hinter „Eine schicksalhafte Winternacht“, verbirgt sich keineswegs ein gefühlsduseliger, romantischer Weihnachtsroman, wie man schnell vermuten könnte. Vielmehr handelt es sich bei dem historischen Roman um ein Sittengemälde aus viktorianischer Ära, dass auf eine sehr klare und ungeschönte Art, die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wieder auferstehen lässt. Hier stehen jedoch Menschen im Fokus des Geschehens, die in ärmlichen Verhältnissen leben. Bürgerliche aus Elendsvierteln, deren Leben so gar nichts mit dem des Adels zu tun hat.

Die historischen Romane der Autorin Dilly Court sind in Großbritannien sehr beliebt, vielleicht auch, weil sie ihren Geschichten viel historisches Flair und Authentizität verleiht. Was den rein historischen Rahmen angeht, las ich selten ein Buch, das so bildhaft das Alltagsleben der Menschen damals wiedergibt. Dieser Punkt war es dann auch, der mich, trotz einiger negativer Aspekte, die ich gleich aufführen werde, schwanken ließ, hinsichtlich der Bewertung. (Zwischen 3.5 und 4 Punkten) .

Dennoch habe ich mich letztendlich dazu entschieden, doch nur 3.5 Punkte zu vergeben, da der Roman trotz des hervorragend recherchierten Hintergrundes, einfach zu trocken und nüchtern wirkte und ich beim Lesen mit einigen Längen zu kämpfen hatte. Dazu kam das große Manko, dass sämtlichen Akteuren einfach die charakterliche Tiefe fehlte und ich von der Story, die manchmal eher wie eine nüchterne Schilderung von aufeinander folgenden Begebenheiten rund um Rubys und Rosettas Familie wirkte, überhaupt nicht berührt wurde, was ich als sehr schade empfand.
Ein weiterer negativer Punkt war für mich, dass Ruby von dem Mann, den sie später erwählt, einige Zeit zuvor vergewaltigt wurde. Eine Vergewaltigung, bei der die Akteurin auf wundersame Art und Weise leidenschaftliche Gefühle verspürt. Mag so eine schriftstellerische Herangehensweise vielleicht in 80er Jahre Romances gang und gäbe gewesen sein- solche Romanpassagen lassen mich schaudern- keinesfalls aus Wonne!
Neben Rubys Werdegang erfährt man als Leser auch, wie Rosettas Leben verläuft. Rosetta macht es dem Leser jedoch nicht leicht sie zu mögen, denn ihre egoistische und TSTL Ader reizte zumindest meine Lesernerven bis aufs Äußere, was wahrscheinlich auch dem Großteil weiterer Leser so gehen mag, wie mir.

Kurz gefasst: Ein Sittengemälde aus viktorianischer Ära, das auf eine sehr klare und ungeschönte Art, die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wieder auferstehen lässt. Gut recherchierter historischer Hintergrund, allerdings krankt der Roman an, wie ich fand, blutleeren Akteuren, die einem fremd bleiben