Rezensionen

Nicoles Bewertung 04 Sterne.png

Amber ist verheiratet mit Paul, einem Schriftsteller und ihre Ehe hat bereits einige Höhen aber auch viele Tiefen überstanden. Der Kinderwunsch zum Beispiel, blieb lange Zeit unerfüllt. Und als Amber nun endlich schwanger wurde, hatte sie einen Unfall und liegt seitdem im Koma. Doch während Ambers Körper völlig regungslos ist, kreisen ihre Gedanken ruhelos und sie bemüht sich, Stück für Stück, ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge zu helfen. Sie bekommt Besuch, von Paul ihrem Mann, der an ihrem Bett sitzt, von ihrer Schwester Claire und von einem ihr unbekannten Mann. Und weiß die Wortfetzen nicht so wirklich zu deuten, denn zwischenzeitlich driftet sie immer mal wieder ab in die Bewusstlosigkeit oder verliert sich in beängstigenden Visionen, die ihr Gehirn ihr vorgaukelt, bis sie Freund und Feind nicht mehr voneinander unterscheiden kann.

Sie versucht sich dennoch zurückzuversetzen, zu den Tagen vor Weihnachten, als alles begann, als sie plötzlich Claire in Verdacht hatte, mit Paul eine Affäre zu haben. Claire, die ebenfalls verheiratet ist und Mutter zweier Kinder, Zwillinge ist. Claire, die vorgezogene Tochter ihrer Eltern, die es stets verstanden hatte, sich in den Fokus zu drängen, während Amber sich immer abstrampeln musste im Leben. Genau wie im Job, denn Madeline, eine gefragte Radiomoderatorin, für die sie als Assistentin arbeitete, wollte sie loswerden, nach nur einem halben Jahr im Job. Da beschloss sich Amber zu wehren. Kann etwa eine rachsüchtige Chefin, die ihr womöglich doch noch auf die Schliche gekommen ist, an ihrem Unfall beteiligt gewesen sein oder bildet Amber sich gar alles ein? Schließlich gibt sie selbst zu, oft zu lügen…

Clever durchdachte Plots, gerade in Psychothrillern, sind in der Tat äußerst selten. Entweder entwickelt sich ein deklarierter Psychothriller, lediglich zu einem spannenden, aber vorhersehbaren Krimi oder aber es sind absolut keine psychologischen Aspekte darin vorhanden. „Manchmal lüge ich“, von Alice Feeney hingegen, wartet mit einer außerordentlich ausgeklügelten Story und mit vielen unerwarteten Wendungen auf, die sogar mich, obwohl ich schon als Vielleser bezeichnet werden kann, völlig überrascht und verblüfft haben. Der Autorin ist es gelungen, Ambers beängstigende Wahrnehmungen während ihres Komas, sehr glaubwürdig zu beschreiben, so dass man sich beim Lesen gut in Amber hineindenken kann, was einem reichlich Thrill beschert.

Die Geschichte wird zum einen durch Ambers Erinnerungen und Erlebnisse getragen (in Ich Form geschrieben) und zum anderen durch Rückblenden und ca. fünfundzwanzig Jahre alte Tagebucheinträge. Zwar ist Alice Feeneys Schreibstil eingängig, so dass man schnell dem Irrglauben verfallen könnte, man hätte es hier mit überaus leichter Kost zu tun und manche Passagen lieber überfliegen möchte, doch sollte man das lieber nicht machen. Man könnte nämlich in diesem Fall so einiges Wichtiges verpassen. Dies nur eine kleine Anmerkung/Warnung von mir. ;-) Denn besonders die durch kindliches Gedankengut gefärbten Tagebucheinträge, könnten dem Leser vorab einiges offenbaren, wenn er diese denn nur aufmerksam lesen würde.  Ich würde gerne deutlicher werden, müsste dann aber spoilern, was ich auf jeden Fall unterlassen möchte, da ich vorab keinen um sein Lesevergnügen bringen möchte.

Man merkt meinen Zeilen sicherlich an, dass ich vom Plot sehr beeindruckt war, warum also nur vier von fünf Punkten bei meiner Bewertung?

Nun, ich fand einfach, dass die Autorin all ihre Mühen auf den Plot und die psychologischen Aspekte verwandt hat, ihre Figuren dagegen recht blass gezeichnet und unsympathisch blieben, so dass man nicht in dem Maße Anteil an ihrem Schicksal nehmen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Zudem hätte ich mir mehr echte Spannungsmomente gewünscht und hätte dagegen auf die, wie ich fand, reißerische und überflüssige Vergewaltigungsszene im Buch gut verzichten können. Im Klappentext stand übrigens, dass sich jemand die Filmrechte an „Manchmal lüge ich“ gesichert hat. Ich könnte mir diesen Stoff einerseits gut verfilmt vorstellen. Andererseits gehört zu den Stärken des Romans, dass Alice Feeney die Gedankenwelt ihrer Protagonistin, während des Komas, so unheimlich bildhaft und facettenreich darstellt. Etwas dass in diesem Umfang wahrscheinlich kaum so umgesetzt werden kann in einem Film. Aber lassen wir uns überraschen!

Kurz gefasst: Unterhaltsamer Psychothriller, der mit einem außerordentlich ausgeklügelten Plot und unvorsehbaren Wendungen aufwartet und der auch nach dem Lesen noch eine Weile in einem nachhallt.