Rezensionen

Tinas Bewertung 05 Sterne.png

Das Cover von "Die verlorene Zeit" fällt auf und scheint aus der Zeit zu stammen in der Dinahs Urgroßmutter Ellen lebte. Wie ein stiller Zeitzeuge, genauso wie das Zitat auf der Rückseite des Buches: "Eine Spurensuche mit ungeahnten Folgen".

Es war schnell um mich geschehen. Schon nach ein paar Seiten hatte mich die Autorin gepackt. Kein Wunder denn hinter Michelle Ross steckt niemand anderer als Rebecca Michéle, deren Bücher ich wirklich klasse finde!

Das Buch "Die verlorene Zeit" hat einen gewissen Reiz, dem man sich schwerlich entziehen kann. Für mich lag er vor allem in der Figur der Dinah, die eine echte Rebellin ist.
Klar, dass es ihren Eltern lieber wäre; sie wäre angepasst und würde zu allen Entscheidungen Ja und Amen sagen, so wie Ellen. Sie ist das genaue Gegenteil von Dinah, sie ist freundlich und immer hilfsbereit - ja, man könnte sagen manchmal etwas zu sehr und genau darin liegt das Problem.

Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen geschrieben.
Die Autorin schreibt gewohnt flüssig, sodass man förmlich in dem Buch versinkt und so viele in sich verschachtelte Ereignisse durchlebt, dass man sich fragt, wie kann das sein und wie viel Lied kann jemand ertragen ohne von seinem Weg abzukommen und dabei zu zerbrechen?

Mich hat das Lesen förmlich mitgerissen und ich könnte gar nicht mehr aufhören, vor lauter "Oh mein Gott" oder "Puh, gerade noch mal so gut gegangen". Immer wieder tauchen neue Fragen auf, die das Lesefieber befeuern und erst so nach und nach aufgelöst werden. Ein Erzählstil den ich unheimlich mag, höchst spannend und sehr mitreißend finde.
Neben der Figur der Dinah, haben mich besonders die Landschaftsbeschreibungen, aber auch die anderen Charaktere in den Bann gezogen.

Für mich persönlich war es ein Leseerlebnis, das mich tief berührt hat

Kurz gefasst: Familien und ihre (dunklen) Geheimnisse. Was soll man tun: Einfach ignorieren, abtun oder sich aufmachen und sie erkunden? So wie es Dinah macht und dabei mehr findet als sie denkt und ahnt...
Absolut Empfehlenswert!

Nicoles Bewertung 04 Sterne.png

USA 2012:

Dinah, die reiche und verwöhnte Tochter eines Politikers, hat bislang nur die Sonnenseiten des Lebens kennen gelernt und ist, auch wegen ihrer Unselbstständigkeit und vorlauten Art, das schwarze Schaf der Familie. Als Dinahs Eltern einen Umzug planen und das Haus, das schon seit vielen Jahrzehnten in Familienbesitz ist verkaufen wollen, reagiert Dinah erneut sehr impulsiv und emotional, was besonders ihren Vater auf den Plan ruft. Als Dinah auch noch einen potentiellen Ehekandidaten brüskiert, wird sie kurzerhand mit Hausarrest bestraft. Dinah ist verärgert, denn immerhin ist sie bereits volljährig und will keinesfalls wie ein unmündiges Kind behandelt werden.
Als sie während ihres Hausarrestes auf einen rätselhaften Zeitungsausschnitt stößt, der besagt, dass ihre Ahnin angeblich 108 Jahre zuvor in Cornwall für einen Mord hingerichtet wurde, wird sie neugierig, denn diese Ahnin lebte auch viele Jahre später noch glücklich in den USA. Dinah beschließt nach Cornwall zu reisen, um dort Nachforschungen anzustellen…

Südfrankreich 1904:

Ellen Townsend traut ihren Augen nicht, als eines Tages eine junge Frau vor ihr steht, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Während die bürgerliche Ellen als Gesellschafterin ihren Lebensunterhalt bestreitet, ist ihre Doppelgängerin keine geringere als Lady Belinda Swinbrook, die Tochter eines Earls. Sie schlägt Ellen einen ungeheuerlichen Plan vor. Ellen soll für kurze Zeit ihren Platz einnehmen. Doch als Belinda nicht mehr auftaucht und für tot gehalten wird, beschließt Ellen an Belindas statt nach Cornwall zu reisen um Belindas Vater kennenzulernen, von dem sie glaubt, dass auch er ihr wahrer Vater ist. Dort nehmen die Verwicklungen ihren Lauf…

Da geheimnisvolle Romane, die inhaltlich im Stile einer Kate Morton oder Katherine Webb geschrieben wurden, momentan genau meinem derzeitigen Lesegeschmack entsprechen, hat mich auch der Klappentext von Michelle Ross „Die verlorene Zeit“ angesprochen. Erst später erfuhr ich, dass Michelle Ross ein neues Pseudonym für die bereits bekannte Autorin von Liebes und Frauenromanen, Rebecca Michele/ Ricarda Martin, darstellt.

Michelle Ross aka Rebecca Michele erzählt auf zwei Zeitebenen wechselnd die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die einer Familie entstammen. Während es mir Dinah zunächst sehr schwer gemacht hat, sie in mein Leserherz schließen zu können, da sie zeitweise einfach zu frech und rotznasig für ihr Alter und vor allem ihre Herkunft agiert, konnte mich die andere weibliche Hauptfigur dieses Romans, Ellen, eher für sich einnehmen, da sie viel sympathischer und bodenständiger gestrickt ist.

Ellens Doppelgängerin Belinda ist dagegen eine etwas undurchsichtigere Figur, bei der ich einfach fand, dass sie eine Spur zu klischeehaft gezeichnet wurde. Belinda wird als typische Vertreterin des Adels beschrieben, hat aber leider ein Herz aus Stein. Gerade bei ihr hätte ich mir ein wenig mehr charakterliche Ecken und Kanten gewünscht. Auch Belindas Verlobter, Caswyn, wirkt nicht unbedingt wie ein großer Sympathieträger. Seine durchweg schroffe und verletzende Art Ellen gegenüber, die er ja für Belinda hält, lässt ihn unsympathisch wirken.
Sicherlich kann man sein Verhalten als Leser nachvollziehen, doch der Haken an der Sache ist, dass man dagegen weniger nachvollziehen kann, wieso sich Ellen überhaupt in ihn verliebt. Hier hätte ich mir doch eher gewünscht, dass Caswyn ein wenig schneller in sich geht, denn er stellt ja schon sehr früh fest, dass Belinda plötzlich charakterlich wie verwandelt wirkt.

Weitere Kritikpunkte waren für mich einige Ausdrücke und Redewendungen, die die Akteure dieses Buches benutzen, die meinem Eindruck nach eher in den deutschsprachigen Raum passen.
Abgesehen davon hat mich Ellens Geschichte völlig in den Bann ziehen können, denn es bleibt lange ein Geheimnis, ob Ellen und Belinda tatsächlich verwandt sind und wer damals wirklich für einen Mord hingerichtet wurde. Auch fand ich den historischen Rahmen sehr gut recherchiert und stimmig.

Dinahs Story mag zwar ebenfalls einen gewissen Reiz besitzen, doch da mich die Wandlung der jungen Frau und ihre Liebesgeschichte nicht so wirklich zu überzeugen wusste, habe ich ihre Romanpassagen eher überflogen, um schneller wieder in Ellens abtauchen zu können. Dank des ansonsten sehr flüssigen und eingängigen Schreibstils der Autorin verging meine Lesezeit wie im Fluge und so waren die 590 Seiten schnell ausgelesen.

Kurz gefasst: Unterhaltsamer, geheimnisvoller Frauenroman auf zwei Zeitebenen erzählt; in dem mich allerdings nicht alle Hauptakteure auf ganzer Linie überzeugen konnten.