Rezensionen

Nicoles Bewertung 04 Sterne.png

Der junge, ein wenig weltfremde Priester und Sekretär der Königin von Mercia, Wulfgar, wuchs einst zusammen mit König Alfreds Sohn Edward, der jetzigen Königin von Mercien, Athelfled und deren Cousin Athelwald Seiriol, dem Prinzen von Wessex auf und empfindet zumindest Athelfled und Athelwald gegenüber starke freundschaftliche Gefühle. Diese werden jedoch auf eine harte Probe gestellt, als sich die politische Lage in den Ländern bedrohlich zuspitzt.

Athelfleds Bruder Edward, der neue König von Wessex, will sich unter anderem auch Mercien einverleiben und die Gelegenheit scheint ihm, seitdem Athelfleds Mann geschwächt und siechend auf dem Totenbett liegt, recht günstig zu sein. So ersuchen Merciens Königin und ihr Cousin Seiriol ausgerechnet Wulfgar darum nach Bardney zu gehen, um dort die Reliquien des heiligen Oswalds an sich zu bringen und sie anschließend nach Mercien zu schaffen. Die Knochen des heiligen Oswalds sollen die Mercier in ihrem Glauben an den Zusammenhalt des Reiches stärken, doch der Haken an der Sache ist, dass Bardney von Wikingern bevölkert wird, die weder dem christlichen Glauben zugetan, noch als menschenfreundlich verschrien sind.

Da Wulfgar eher von schwächlicher Konstitution ist und als Priester keine Ahnung vom Kämpfen besitzt, soll ein weiterer Begleiter ihn auf seiner Reise beschützen. Ednoth von Sodbury verspricht sich auf dieser Reise eine Menge an Abenteuern, doch sein hitziges Temperament bringt Wulfgar und sich selbst so einige Male in Lebensgefahr. Zum Glück gesellen sich ab Leicester ein weiterer Kirchenmann und eine reiche, sehr mutige junge Frau zu ihnen, die ihnen in ihrer gefährlichen Mission beistehen. Was Wulfgar nicht ahnt, ist, dass sich bereits mehrere feindliche Parteien ebenfalls auf den Weg nach Bardsley gemacht haben um die Oswald Reliquie an sich zu bringen. Und diese schrecken auch nicht vor Mord zurück…

Aufmerksam auf „Der letzte Getreue der Königin“ wurde ich zunächst wegen des prächtigen Covers, das mir sogleich ins Auge fiel. Aber nicht nur das tolle Cover dieses historischen Romans kann sich sehen lassen, auch die Geschichte, die um 900 nach Christus in England spielt, als das Land noch in einzelne, kleinere Königreiche gegliedert war und in der es um die Jagd nach Reliquien und deren besondere Bedeutung, die diese für die Menschen dieser Zeitepoche besaßen, klang für mich sehr vielversprechend.

Überrascht hat mich die Entscheidung der Autorin einen Helden für diesen Roman zu kreieren, dem alles Heldenhafte völlig abgeht. Wulfgar ist ein ängstlicher, naiver junger Mann, der jeder Auseinandersetzung lieber sogleich aus dem Wege geht und lediglich in seinen Tagträumen darüber nachsinniert, wie es wäre, ein Held zu sein. Da Wulfgar zudem keinem eine Bitte abschlagen kann, lässt er sich auf den Wunsch seiner Königin leichtfertig ein- in dem Glauben die Reise nach Bardsley und die Beschaffung der heiligen Knochen wäre keine große Sache.
Auch sein Begleiter Ednoth stellt nicht unbedingt einen sicheren, verlässlichen Reisegefährten dar. Ednoth mag zwar geschworen haben, Wulfgar zu beschützen, doch seine vorlaute Zunge und sein aufbrausendes Temperament bringt beide mehrmals in große Gefahr und eigentlich wäre diese Reise ein wahres Himmelfahrtskommando, wenn nicht Vater Ronan; ein mutiger und kampfesfreudiger Recke und die Norwegerin Gunnvor „Katzenauge“ Bolladottir zu den beiden stoßen und sie unterstützen würden.

Der letzte Getreue der Königin“ ist dann auch als eine Art historisches „Road-Movie“ zu bezeichnen, indem eine Gruppe Fremder zu Freunden wird, die nur gemeinsam stark ist und ebenfalls nur gemeinsam die gestellte Aufgabe lösen kann. Interessant fand ich die Unperfektheit der einzelnen Figuren; eben dass man es hier endlich einmal mit völlig normalen Menschen zu tun bekommt. Sicherlich, anfangs machten es mir Wulfgar und Ednoth nicht unbedingt leicht sie zu mögen, da sie schon recht speziell konzipiert wurden, doch ab dem Moment, als Vater Roman und Gunnvor hinzustoßen, gewinnt auch der Handlungsverlauf an Spannung, Wortwitz und interessanten Dialogen.

Während sich die Suche nach den Gebeinen bis auf kleine Scharmützel zunächst recht harmlos darstellt, wird es dann auf den letzten hundert Seiten immer spannender, da Wulfgars Gegner sehr mächtig sind. Pikant an der Sache; auch Wulfgars Halbbruder gehört zu seinen erbitterten Gegnern und Anhängern Edwards.
Ein wenig schade fand ich es, dass der Schreibstil der Autorin meiner Meinung nach so manches Mal ein wenig modern anmutet und nicht der Zeitepoche entsprechend wirkt. Ob das aber der Autorin zu Last gelegt werden kann oder der Übersetzung geschuldet ist, kann ich leider nicht sagen, da ich den Roman bislang nur in deutscher Übersetzung las.

Laut der Homepage der Autorin wird es wohl in Zukunft weitere Bände um den Priester Wulfgar geben, in denen hoffentlich so manche, noch offene Geheimnisse seiner Freunde gelüftet werden.

Kurz gefasst: Ein historisches „Road-Movie“ das ein wenig verhalten beginnt, aber mit außergewöhnlichen Akteuren punkten kann, welches sich letztendlich zu einem spannenden und unterhaltsamen Historienschmöker mausert.

Rissas Bewertung 03 05 Sterne.png

Zu Beginn habe ich mir nicht allzu viel von diesem Roman versprochen, denn die Ausgangslage klingt einfach nur zu gewöhnlich: Zwei Männer sollen einen Gegenstand besorgen und erleben dabei ein paar Abenteuer. Das Besondere an diesem Roman sind jedoch die beiden Hauptpersonen. Wulfgar hat so überhaupt nichts Heldenhaftes an sich. Er ist leicht einzuschüchtern, kein bisschen wortgewandt, dabei auch noch recht tollpatschig. Ednoth dagegen ist großspurig und von sich selbst überzeugt, für ihn ist diese Reise ein aufregendes Abenteuer.

Und so wundert es nicht, wenn sie doch ganz anders verläuft, als ich anhand des Klappentextes erwartet hatte. Der Roman beginnt gemächlich, die Spannung steigt sich jedoch bald, und ab der Mitte konnte ich das Buch kaum noch zur Seite legen, weil einfach so viele fesselnde Dinge passieren. Das Ende kam mir dann allerdings etwas plötzlich, ich hatte den Eindruck, dass die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist, obwohl das Abenteuer abgeschlossen war. Eine Fortsetzung ist schon angekündigt, und so gehe ich davon aus, dass diese Lücken in späteren Bänden dieser Reihe geschlossen werden.
Obwohl es sich bei diesem Roman um eine Erzählung in der dritten Person handelt, steht Wulfgar ganz klar im Zentrum. Seine Gedanken und Gefühle bekommt der Leser mitgeteilt, und so wird der Mönch zu einem Charakter, den ich mir ganz gut vorstellen konnte. Auch eine Entwicklung im Laufe des Romans ist erkennbar.

Im Vergleich zu Wulfgar bleibt Ednoth leider sehr blass. Man erfährt kaum etwas über ihn, weder wie alt er genau ist, noch, ob er Familie hat, und selbst seine Persönlichkeit bleibt bis auf die offensichtlichen Dinge recht vage. Auch aus den anderen Personen, die nach und nach eingeführt werden, wurde ich nicht schlau, deren Motive für die Handlungen waren nicht immer offensichtlich. Hier hätte ich mich über etwas tiefere Einblicke gefreut.

Die Idee, mal Charaktere in ein Abenteuer zu schicken, die kaum weniger dafür geeignet sein könnten, finde ich an sich nicht schlecht. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass eine solch wichtige Mission, von der das Schicksal eines ganzen Königreichs abhängt, zwei unerfahrenen und eigentlich völlig unvorbereiteten Männern übertragen worden wäre. Dieser Ansatz ist für mich ziemlich unlogisch, auch in Hinblick auf den Zeitrahmen, der für die Reise angesetzt ist.

Aufklärung darüber, was über die Wiederbeschaffung dieser Reliquie tatsächlich bekannt ist, finden sich im Nachwort. Zudem gibt es ein kleines Glossar, ein Personenverzeichnis und einen kurzen Hinweis zur Währung. Diese wären nicht zwingend nötig gewesen, doch sind sie als Ergänzung recht nett. Eine Karte, um die Reiseroute verfolgen zu können, hätte mir allerdings mehr geholfen.

Kurz gefasst: Wer Gefallen an mittelalterlichen Abenteuerromanen mit ungewöhnlichen Hauptcharakteren findet, kann sich diesen Roman gerne genauer anschauen. Als Auftakt einer Reihe gut lesbar.