Rezensionen

Nicoles Bewertung 03 Sterne.png

Als Stephen, der Earl of Whitmore aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht, hat er plötzlich eine Ehefrau und zwei Kinder. Seltsamerweise kann er sich jedoch weder an die Hochzeit mit seiner Jugendfreundin Emily erinnern, noch wie er zu der bereits verheilten Stichverletzung auf der Brust gekommen ist, geschweige denn der chinesischen Tätowierung im Nacken. Seinen Gedächtnisverlust nimmt ihm seine Frau Emily besonders übel, denn sie verlor durch Stephens vermeintliche Schuld ihren Bruder. Statt diesen in London aufzuspüren, verschwand Stephen nach einem Ball spurlos und wurde später bei seiner Mätresse gesehen. Und das, obwohl Emily glaubte, dass Stephen sie aus Liebe geheiratet hätte. Und nun kann er sich noch nicht einmal mehr an ihre Hochzeitsnacht erinnern.

Die beiden Kinder ihres verstorbenen Bruders; dessen Leichnam wurde Emily gebracht, als Stephen noch durch Abwesenheit auf seinem Landsitz Falkirk glänzte, hat Emily bereits sehr in ihr Herz geschlossen und verteidigt sie wie eine Löwin. Auch als ein Onkel auftaucht, dem die Vormundschaft von Emilys Bruder im Falle seines vorzeitigen Ablebens übertragen wurde, bleibt sie skeptisch. Sie hat nun an gleich mehreren Fronten zu kämpfen: Nicht nur Onkel Nigel der die Kinder in seine Obhut nehmen möchte, bereitet ihr Bauchschmerzen, sie wird von einem Unbekannten bedroht, der fieberhaft Dokumente sucht die er in Emilys Besitz glaubt und für die Emilys Bruder sein Leben lassen musste und außerdem werden auch auf Stephen mehrere Mordanschläge verübt. Während Stephen versucht, den Mörder von Emilys Bruder zu fangen, bangt Emily um sein Leben und muss außerdem den Spott des tons ertragen, der sie für unwürdig hält, sich in der Gesellschaft zu behaupten…

Ich habe bereits einige Romane der MacEgan Reihe von Michelle Willingham gelesen, die ich nahezu verschlungen habe und so war es für mich völlig klar, dass ich auch „Der Earl und sein verführerischer Engel“ unbedingt lesen wollte. Diesmal hat sich die Autorin an eine völlig andere Zeitepoche gewagt, in der ihre Geschichte spielt. Statt rauer irischer Krieger im Mittelalter, bekommt man es nun mit wohl erzogenen Gentlemen und vornehmen Damen zu tun. Nun gut, ich liebe Regencies und so dachte ich, würde meinem Lesevergnügen nichts im Wege stehen.
Zwar lässt sich der Roman zunächst sehr gut an; auch die Hintergrundstory um Stephens Gedächtnislücken, seine Verwundung und den unbekannten Bösewicht, der bereits mehrere Männer auf dem Gewissen hatte fand ich spannend geschrieben, doch leider fand ich, hat der aktuelle Roman der Autorin einige Schwächen aufzuweisen.

Zum einen konnte ich mich nicht so recht mit dem Heldenpaar anfreunden. Zwar entwickelt man schnell Mitleid mit der Heldin, die bereits einiges in ihrem Leben erdulden musste, doch nutzte sich mein Mitleid auch schnell ab, da Emily fürchterlich herumzickt. Die Art und Weise wie sehr sie sich darüber aufregt, dass Stephen, den sie liebt, sich nicht mehr an ihre Hochzeitsnacht erinnern kann (der arme Mann hat ja immerhin einen Schlag auf den Kopf, der zur Amnesie führte, abbekommen) und wie sie sich zunächst in Selbstmitleid darüber ergeht, dass sie von ton nicht mit offenen Armen empfangen wird, fand ich sehr grenzwertig.

Aber auch Stephen benimmt sich hier und da etwas merkwürdig. Die Art und Weise wie er seine frischgebackene Frau herumkommandieren möchte (auch seine eigenmächtige Aktion die Kinder ohne Emilys Einwilligung zum Onkel abzutransportieren) und auch seine Unentschlossenheit darüber ob er seine Frau behalten oder die Ehe doch lieber annullieren möchte, hat mich einige Nerven gekostet, auch wenn Stephen sich am Ende immer richtig entscheidet. Die vielen Missverständnisse und fehlenden Aussprachen zwischen dem Paar trugen ihr übriges dazu bei, dass sich beim Lesen dieses Buches keine richtige Lesewohlfühlatmosphäre bei mir einstellen wollte.

Begeistert war ich bislang von Michelle Willinghams Fingerspitzengefühl in Sachen knisternde Atmosphäre, Romantik und ihrem Talent wunderschöne, einfühlsame Love Storys schreiben zu können. Ehrlich gesagt habe ich das alles bei diesem Regency sehr vermisst; dazu empfand ich auch den Schreibstil der Autorin als völlig anders, als ich es sonst von ihr gewohnt bin und so hat mich „Der Earl und sein verführerischer Engel“ etwas enttäuscht zurückgelassen.
Positiv aufgefallen sind mir dagegen die interessanten Rezepte von Emily die eine leidenschaftliche Köchin ist und die vor den einzelnen Kapiteln aufgeführt werden. Sie regen definitiv zum Nachkochen und Nachbacken an.

Kurz gefasst: Recht mittelmäßiger Regency; der zwar im Großen und Ganzen unterhält und ein paar spannende Momente zu bieten hat; Romantik und eine unter die Haut gehende Love Story dagegen leider vermissen lässt.